Wo zwischen 1 bis 10 würde mein Mix abschneiden?

Bernhard
Bernhard — Mastering Engineer

Mix-Feedback: Warum ein zweites paar Ohren so viel Sicherheit geben kann.


Ich erhielt neulich eine Nachricht mit einem Anliegen, das ich auch allzu gut selbst kenne aus früherer Zeit, als ich noch viel mehr Musik produziert habe. Louie – Komponist und Producer, Artist-Name Melouie – schrieb mir morgens kurz auf WhatsApp:

Melouie
Melouie
morgen Bernhard, hoffe dir geht gut. Du, kannst du mir einen Gefallen tun und hier mal rein hören und mir sagen, auf welchem Level der Mix ist. So auf ner Skala von 1–10. Zap einfach mal durch. Wenn du keine Zeit hast, kein Thema! Danke dir
09:14

Hey hey, also ich hab jetzt durch den Track gehört. Der Mix ist sehr gut, sehr schön clean und es tut nichts weh. Es gibt nur zwei Problemchen für mein Ohr:

1. Bass: Die Basstöne sind sehr unterschiedlich laut. Ich nehme an, das ist ein Abhör-Problem. Du könntest probieren, den Bass-Track zu freezen und zu Audio zu machen, und dann mit Clip-Gain anpassen. Im Stem-Mastering würd ich das mit dynamischen EQs machen.

2. Die Kick wird vom Bass erdrückt gefühlt. Ich würde der Kick mehr reindrehen bei 60 Hz und mit einem Transient-Designer den Transienten lauter machen.

3. Eventuell den Bass insgesamt ein bisschen leiser machen in den Parts, wo die Kick nicht passiert – aber das ist Geschmackssache.

Ich hoffe, das hilft dir.

09:41  ✓✓
Super. Tausend Dank! Super Feedback! 👍
09:43

Kein Auftrag, keine Deadline, keine große Sache – einfach die Frage, die fast jeder Produzent irgendwann kennt: Bin ich hier auf der richtigen Spur, oder täuscht mich mein eigenes Ohr gerade, weil ich einfach zu tief drin bin?

Das ist genau der Moment, für den Mix-Feedback gemacht ist. Ein kurzer, ehrlicher Blick von außen, bevor der Track zum Mastering kommt.

Abhörraum
Der Abhörraum, in dem der Track gegengehört wurde.

Ich habe dann den Track von vorn bis hinten in unserem Mastering-Raum gehört und muss sagen, der Mix klang wirklich toll. Nur die Bass-Thematik mit der Kick. Das war das Problem. 

Hier zeig ich euch mal, was mein erster Tipp an Louie in der Umsetzung aussehen könnte:

Bass-Spur vor der Bearbeitung, mit deutlich ungleichen Pegeln von Ton zu Ton in der Wellenform
Vorher
Dieselbe Bass-Spur nach Einfrieren und Clip-Gain, jeder Ton auf gleichmäßigem Pegel
Nachher
Dieselbe Basslinie, dieselbe Aufnahme. Jeder Ton sitzt jetzt in seinem eigenen Clip, von Hand angepasst.

So sieht dieser erste Punkt aus, sobald er wirklich umgesetzt ist. Der Bass wird zu Audio eingefroren, an den Notengrenzen geschnitten, und der Pegel jedes Clips wird von Hand gesetzt. Die lauten Töne werden mit clip gain runter geregelt, bevor sie irgendetwas anderes in der Kette erreichen – so muss kein Kompressor eine musikalische Entscheidung treffen, für die er nicht gemacht ist.

Das ist langsamer, als schnell zu einem Plugin zu greifen. Aber was nützt der Multiband dnyamische EQ, wenn ich nicht höre welcher Ton wie laut ist, weil mein Raum die Wiedergabe total verzerrt? Wäre ja auch schön, wenn das Mastering danach den Spielraum hat, seine eigene Aufgabe zu erledigen, statt seinen Headroom für Schadensbegrenzung zu verbrauchen.

Genau das ist der Unterschied zwischen einer vagen Meinung und einem Feedback, mit dem man tatsächlich weiterarbeiten kann. Louie musste nicht raten, ob sein Ohr ihn täuscht – er hatte danach einen klaren nächsten Schritt.

Diese Situation kennt fast jeder, der selbst produziert oder mixt: Man sitzt zu lange am eigenen Track, das Ohr gewöhnt sich an Probleme, die mir sofort auffallen. Ein zweites, geschultes Ohr in einem erstklassigen Abhörraum – bevor überhaupt gemastert wird – kann genau diesen blinden Fleck auflösen.

Mix-Feedback ist deshalb bewusst niedrigschwellig gedacht: eine ehrliche Einschätzung auf Augenhöhe, damit der Mix schon vor dem letzten Schritt in die richtige Richtung geht und das Mastering gleichzeitig mehr Zeit damit verbringen kann, das Sahnehäubchen draufzusetzen, statt grobe Probleme zu korrigieren.

Danke an Louie / Melouie (melouie.com), dass wir diesen Austausch teilen durften.

Wo steht dein eigener Mix?

Ein ehrliches, geschultes Ohr – bevor der Track ins Mastering geht.

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